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Solarpunk

Positive Narrative helfen die Zukunft zu gestalten

2023

Solarpunk ist genau wie Cyberpunk ein Science-Fiction-Genre, das bereits existierende Ideen und Technologien nutzt, sie einige Jahrzehnte in die Zukunft extrapoliert und passende Geschichten daraus spinnt. Im Gegensatz zum zynischen und dystopischen Cyberpunk ist Solarpunk absolut utopisch. Natürlich sind Solar- und Cyberpunk nicht diametral entgegengesetzt, dennoch liegen die Grundlagen weit auseinander. Cyberpunk war immer als Warnung gedacht, nicht als Anleitung. Im Cyberpunk müssen die Rebellen im Untergrund bleiben, Unternehmen nehmen eine staat-ähnliche Position ein. Es gibt keine Alternative. Es kann ein kleines Refugium gebaut werden, aber die Welt gehört den mächtigen, autoritären Konzernchefen. Bei Solarpunk geht es um Empowerment. Gemeinsam ist es möglich, die Welt zum Besseren zu verändern. Solarpunk versucht sich eine lebens- und liebenswerte Zukunft vorzustellen. Es stemmt sich mit dem beinahe sprichwörtlichen Prinzip Hoffnung gegen den omnipräsenten Pessimismus und die Verzweiflung der Polykrise. Das Prinzip Hoffnung als Hauptwerk des deutschen Philosophen Ernst Bloch (1885–1977) entfaltet eine umfangreiche — von Hegel und Karl Marx beeinflusste — Philosophie der Konkreten Utopie. Diese wiederum zeichnet sich durch militanten Optimismus und die reale Möglichkeit des Werdens aus, die auch die Basis der Solarpunk-Narrative bilden. Solarpunk bedient sich dabei bekannter Bausteine, setzt sie zusammen und füllt sie dadurch mit Leben. Aus losen Ideen werden erreichbare Ziele und gangbare Wege. Nicht nur fiktional, sondern ganz pragmatisch, denn Solarpunk versteht sich nicht nur als Cli-Fi-Genre (Climate Fiction), sondern auch als (Meta-) Bewegung. Es kann also synkretisch verstanden werden: die Synthese von Ideen und Philosophien zu einem neuen System oder Weltbild.

»We are unstoppable. Another world is possible.«
— Fridays for Future.
Die prominentesten Bausteine des Solarpunks sind Bewegungen und Subkulturen, die bereits versuchen, die Welt zum Besseren zu verändern. Diese Bewegungen sind von Natur aus inherent progressiv und betreffen alle Bereiche des Lebens. Hier sind einige Beispiele: Chaos Computer Club, Black Lives Matter, Critical Mass, Bürger-Energie- Genossenschaften, For-Future-Bewegung, Extinction Rebellion, Sea Shepherd, Antifa, MeToo, Hacker- und Maker-Spaces, Gewerkschaften, Urban Gardening Bewegung und unzählige weitere. Viele dieser Bewegungen gibt es schon seit Jahren oder sogar Jahrzehnten, ohne dass sie direkt miteinander in Kontakt gekommen wären. Bei vielen von ihnen gibt es Überschneidungen (z. B. Radfahrer, die ihre Fahrräder in einer offenen Werkstatt reparieren usw.). In letzter Zeit entsteht der Eindruck, dass das Interesse und die Solidarität zwischen diesen verschiedenen Gruppen auf einer höheren Ebene zu wachsen beginnt. Diese Solidarität ist entscheidend für Solarpunk als fiktionalem Genre und als reale Bewegung von Bewegungen, die versuchen, eine bessere Zukunft zu schaffen. Soziale Gerechtigkeit, Klimawandel und Digitalisierung sind übergreifend.
»Es geht nur ökosozial!«
— Ulrich Schneider (Paritätischer Wohlfahrtsverband)
Als Vorläufer des Genres können Ernest Callenbachs »Ökotopia« (1975) und auch einige Erzählungen von Ursula K. Le Guin gewertet werden. Seinen Ursprung hat der Begriff »Solarpunk« 2008 in einem Beitrag auf dem Blog »Republic of the Bees« in dem es um ein reales Containerschiff geht, das von einem Kite (Zugdrachen) angetrieben wird. Die Idee ist revolutionär, das Unternehmen geht auf Grund des günstigen Ölpreises dennoch insolvent. Es bleibt ein zentrales Thema des Genres: Lowtech trifft Hightech — und die Erkenntnis: Technologie kann uns helfen, aber nicht retten, wenn wir nicht selbst etwas tun. Darum geht es bei »Punk«: Dinge einfach anpacken und Spaß dabei haben. Episoden zu schreiben auf dem Weg in eine bessere, grüne Zukunft.

♹ Ende
Jedes Ende ist auch ein Anfang sagt man und es gibt nichts, das man ewig haben kann.